Der frühere spanische Ministerpräsident Mariano Rajoy wird als Rassist beschimpft, weil er Frankreichs Nationalelf als Mannschaft „ohne Franzosen“ bezeichnete. Juristisch ist das falsch. Politisch trifft der Satz aber einen Nerv, der schon viel zu lange totgeschwiegen wird.
Ein Kommentar von Hermann Haller
Rajoy schrieb vor dem WM-Halbfinale zwischen Spanien und Frankreich einen Satz, der in Madrid und Paris sofort den bekannten Empörungsapparat in Gang setzte. Frankreich habe einen „Kader von höchstem Niveau“, allerdings „ohne Franzosen“, schrieb er laut Standard in einem Gastbeitrag für El Debate. Spaniens Regierungschef Pedro Sánchez sprach von „fremdenfeindlichen Äußerungen“, die französische Botschaft in Madrid hielt dagegen: Alle Spieler der französischen Nationalmannschaft seien Franzosen; 23 der 26 Spieler seien in Frankreich geboren.
Damit ist die staatsrechtliche Frage beantwortet. Wer einen französischen Pass hat, ist selbstverständlich französischer Staatsbürger. Die kulturelle Frage ist damit jedoch nicht erledigt. Rajoys Satz traf nämlich einen Nerv, weil jeder genau wusste, was er damit meint: Volkzugehörigkeit und Staatsbürgerschaft sind nämlich nicht nur im Fußball zwei unterschiedliche Paar Schuhe.
Wenn Herkunft plötzlich nicht zählen darf
Die französische Fußballauswahl ist längst ein politisches Symbol. Schon 1998 wurde der WM-Titel der „Black-Blanc-Beur“-Mannschaft als Beweis für das Gelingen eines neuen, bunten Frankreichs gefeiert. Auch heute wird die Herkunft der Spieler regelmäßig thematisiert, sobald daraus eine positive Erzählung gebaut werden kann: Vielfalt, Integration, Migration als Bereicherung. Le Monde schrieb erst vor wenigen Tagen, die Mannschaft erinnere Frankreich an seine „diversity“ und an die „great mixing“ der Gesellschaft.
Als problematisch und rassistisch wird dieselbe Diskussion jedoch gebrandmarkt, sobald diese Beobachtung ohne Jubelton ausgesprochen werden. Dann soll plötzlich nur noch der Pass zählen. Dann heißt es: 23 Spieler sind in Frankreich geboren, also Ende der Debatte. Doch wer jahrelang die Nationalelf als Werbeplakat für die Politik der offenen Grenzen benutzt, darf sich nicht wundern, wenn andere Zuschauer dasselbe Plakat kritisch betrachten. Von der gefeierten „Vielfalt“ ist auf dem Spielfeld nämlich kaum noch etwas zu erkennen. Abgesehen vom Betreuerstab stehen mittlerweile fast ausschließlich Spieler mit außereuropäischen Wurzeln auf dem Platz. Wirklich bunt ist das nicht.
99 in Frankreich geborene Fußballer bei der WM
Le Monde analysierte, dass zur WM 2026 insgesamt 99 in Frankreich geborene Spieler nominiert wurden. Nur 23 davon spielten für Frankreich. Viele der übrigen liefen für afrikanische Nationalmannschaften auf: 13 für Algerien, 11 für die Demokratische Republik Kongo, zehn für Senegal, acht für die Elfenbeinküste, sieben für Tunesien und sechs für Marokko. Alle 99 seien zudem in Frankreich ausgebildet worden.
Diese Zahlen zeigen, dass Abstammung, Staatsbürgerschaft, kulturelle Prägung und nationale Loyalität immer häufiger auseinanderfallen. Das betrifft nicht nur die gut bezahlten Fußballer, sondern ebenso zahlreiche Fans, deren Familien zwar seit Generationen in Europa leben, sich jedoch noch immer mehr mit ihren Herkunftsländern und der dortigen Kultur identifizieren.
Afrika als zukünftige Wiege des modernen Fußballs
Im Bereich des Fußballs dürfte sich dieser Trend fortsetzen. Und zwar nicht nur wegen der anhaltenden Masseneinwanderung und der Geburtenraten, sondern auch, weil europäische Spitzenklubs gezielt Nachwuchsakademien auf dem afrikanischen Kontinent betreiben. Das moderne Spiel belohnt körperliche Voraussetzungen ebenso wie professionelle Ausbildung und frühe Förderung. Talente in Afrika zu entdecken und auszubilden ist längst ein erfolgreiches Geschäftsmodell, schließlich werden mit dem Verkauf von Spielern Unsummen verdient.
Norwegen als positives Beispiel
Dass sich Fußballfans nach einer erkennbaren nationalen Identität sehnen, zeigte Norwegen bei dieser WM. Die Norweger wurden nicht nur wegen Erling Haaland und Martin Ødegaard zu einem Publikumsliebling, sondern auch wegen ihrer sichtbaren nationalen Erzählung. Das „Viking Row“-Ritual, bei dem Fans und Spieler gemeinsam imaginär rudern, wurde zu einem der prägenden Bilder des gesamten Turniers. Das ZDF schrieb, Norwegens Fans würden mit ihrer Ruder-Choreografie Stadien erobern; selbst das norwegische Parlament machte mit. Nationen, die mit ihren Farben, Symbolen und Ritualen auftreten, besitzen einen hohen Wiedererkennungswert, den weltweit viele Menschen sympathisch finden. Fußballfans wollen nicht nur Spitzenathleten in unterschiedlichen Trikots sehen. Sie wollen Länder erkennen und Unterschiede erleben. Island zeigte mit seinen „Huh“-Schlachtrufen bei der EM 2016 eindrucksvoll, wie stark eine solche nationale Erzählung wirken kann.
Einen ganz anderen Eindruck als Norwegen hinterließ Deutschland bei der WM. Die DFB-Mannschaft war zwar politisch stets korrekt unterwegs, wirkte emotional und sportlich aber erneut blass. Nach dem Sechzehntelfinale musste „Die Mannschaft“ die Koffer packen und die Rückreise starten.
Der zweite Tabubereich: Migrantenkrawalle
Identität und Migrationen spielen jedoch auch während der WM außerhalb der Stadien eine Rolle. Während in Norwegen selbst das Ausscheiden aus dem Turnier friedlich gefeiert wurde, kam es nach dem Spiel Frankreich gegen Marokko in mehreren europäischen Großstädten zu schweren Ausschreitungen. Mehr dazu im RTV-Wochenrückblick: