„Sehnsucht“ – Die vielen Leben des Erwin Piontek

"Sehnsucht"
"Sehnsucht"

Mit „Sehnsucht“ ist ein weiterer Roman Szczepan Twardochs in deutscher Übersetzung erschienen. Dieses Mal ist es eine Zeitreise von Deutsch-Südwestafrika bis ins Polen 2031.

Eine Rezension von Karl Sternau

Vorweg muss ich gleich sagen, dass „Sehnsucht“ nicht das neueste Buch des schlesischen Autors Twardoch ist. Tatsächlich erschien es bereits 2024 in Polen – damit vor dem Kriegsroman „Nulllinie“. Der Ukraine-Krieg wird aber auch angeschnitten.

Zeitreise

Zu Beginn erzählt Twardoch vom Rentner Erwin Piontek, der seinen Traum, um die Welt zu segeln, aus finanziellen und gesundheitlichen Gründen nicht mehr verwirklichen kann. Dennoch bricht Piontek zu einer Reise auf: Er kauft sich ein kleines Boot und segelt auf dem schlesischen Stausee von Rybnik im Kreis. Während er so Seemeilen sammelt, die er zu einer imaginären Weltumsegelung addiert, wird der „Opa, der im Kreis fährt“ zum Medienphänomen. Doch dann springt die Geschichte in eine völlig andere Zeit.

Kracht

Mich hat das Werk an den jüngsten Roman Christian Krachts „Air“ erinnert, in dem sich der Leser auch durch Zeit und Raum bewegt. Allerdings geht es bei Twardoch erst einmal in die Vergangenheit nach Deutsch-Südwestafrika – immer auf den Spuren des Schlesiers Piontek (oder dessen Vorfahren bzw. verschiedener Versionen seiner Existenz). Der letzte Teil spielt wiederum in einem zukünftigen „Volksstaat Polen“ nach den „Ereignissen von 2028“ (einem russischen Angriff auf Europa). Das Nachbarland Deutschland wird übrigens 2031 von Tino Chrupalla regiert.

Spannende Gedanken

Dieses wenig originelle politische Zukunftsszenario ist eher schwach. Stark sind die Gedanken zu den Alternativbiografien, die zeigen, wie eine einzige Entscheidung das Leben verändern kann. So verschlug es Piontek nach Afrika, nachdem er 1884 vor seinem Vater geflüchtet war. Wäre er in seiner Heimat geblieben, wäre sein Leben anders verlaufen: Meister in der Drahtindustrie, Kauf eines kleinen Hofs, Heirat und Familiengründung, Tod an der Ostfront im Ersten Weltkrieg.

Cameo-Auftritt

Immer wieder tritt ein Ich-Erzähler auf. Später wird klar, dass es Twardoch selbst ist. Seine Rolle wird im Laufe der Handlung immer stärker. Der Kampf zwischen Autor und dem Protagonisten – umgesetzt durch ein Streitgespräch – war mir letztlich etwas zu viel. Ein kurzer Eindruck:

„Wie kommt dieser Satz hierher? Hast du ihn geschrieben? Ich weiß, du hast sie alle geschrieben. Aber das hier ist meine Geschichte, oder?“

Für meinen Geschmack überzieht Twardoch hier das Spiel mit der vierten Wand.

Stark geschrieben

Wie die anderen Romane Twardochs ist „Sehnsucht“ sehr gut und flüssig geschrieben. Erneut gelingt es Twardoch, einen Roman zu schreiben, den man kaum aus der Hand legen möchte. Dennoch überzeugten mich „Nulllinie“ und vor allem „Kälte“ mehr.

Der Roman „Sehnsucht“ von Szczepan Twardoch ist bei „Rowohlt“ 2026 erschienen. Er umfasst 224 Seiten und ist zum Preis von 24 Euro unter anderem hier erhältlich: https://www.jungeuropa.de/andere-verlage/schoene-literatur/598/sehnsucht

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